Dass Zeichnungen, die auf einer Fläche bewegt werden, ins Schweben kommen, ist keine leichte Aufgabe und doch ist dies die ungefähre Beschreibung des Vorgangs, den eines von Jana de Jonges Videos dem aufmerksamen Betrachter vor Augen führt.

Es sind Hände zu sehen, die zu unterschiedlichen Klängen Blätter mit Zeichnungen auf einer Ebene verschieben. Die Zeichnungen oszillieren zwischen zufällig anmutendem Zeichen, wanderndem Notat und präzise gesetzter Partitur. Von rechts nach links ziehen die Blätter als gefilmte Sequenz am Auge des Betrachters vorbei und stellen beiläufig grundsätzliche Fragen zu Wahrnehmung und Selbstbeobachtung in dem Versuch, Wahrnehmung überhaupt als bewussten Vorgang zu begreifen.

Die Hände der Künstlerin, die die Blätter bewegen, dienen nur scheinbar zur Orientierung in einem Raum, der uns zwar als „Tisch“ vorgeführt wird, dessen Tischplatte aber durch das ständig in Bewegung befindliche Bild seine Konnotation als verlässliche Organisationsfläche verliert. Auf diesen Tisch können wir, die Betrachter, nichts stellen oder legen, auf ihm können wir nichts sortieren oder verlieren.

Die Information zieht vorbei und unsere Aufmerksamkeit reicht kaum aus, um bei einmaligen Sehen überhaupt zu erfassen, was genau den Zeichen in ihrer Wanderung vor unseren Augen widerfährt.

Dass die Klänge, die die Handlung sowohl antreiben wie akzentuieren, die eigentlichen Bindeglieder zwischen de verschiedenen Blättern sind, wird erst beim wiederholten Betrachten klar. Die Bilderfolge übt eine solche Faszination, fast einen Sog, aus, dass erst in der wiederholten Betrachtung die kleinen und kleinsten Differenzen sichtbar werden.

Jana de Jonges Spielfeld der künstlerische Vorgehensweisen ist in Expansion begriffen und wird schon jetzt von sehr unterschiedlichen Methoden und Darstellungsformen bestimmt.

Das Spektrum reicht von einer Vielzahl von Heften, in denen tagebuchartig Zeichnungsfolgen entstehen bis zu federleichten, großformatigen Aquarellen auf fast durchsichtigem Papier. Es entstehen Wandreliefs, die mit ihrer Schmalseite in den Raum ragen und deren Ausdehnungen in den Raum durch Fäden und Schnüre Durch- und Ausblicke versprechen, die unser Raumerfassungsvermögen hart auf die Probe stellen, da es fast unmöglich ist, die Frage zu beantworten, was jeweils „vorn“ oder „hinten“ liegt.

Im Repertoire von Jana de Jonge gibt es auch Kleidungsstücke, die selbst mit Zeichen übersät, irritierende Requisiten von Performances werden können, aber auch als leere Hüllen im Raum durchaus als selbstständige Objekte lesbar sind.

Wenn mit Goldbronze überzogene Gummibälle, von der Künstlerin in den Raum geworfen, an den Wänden eines White Cube Spuren hinterlassen, entsteht genau jene sehr persönliche Verschränkung von Spur, Aktion und Zeichnung, die Jana de Jonges künstlerische Recherche auszeichnet.

Karlsruhe, den 15.10.2016

Axel Heil
Professor für Experimentelle Transferverfahren
Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe
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